2. Brief- vom Oktober 2009

Vorab: Herta Freundlich, das ist nicht K nicht S und gar schon überhaupt nicht FPÖ, auch nicht
Schwarz, Grün oder Orange. Herta Freundlich aber dankt dem Herrn Franz und den Seinen für
die Bereitstellung einer Seite hier und zollt dem gelebten Umgang mit freier Meinungsveräußerung
aufrichtigen Respekt.

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Liebe Leute! Liebe MitmürzzuschlagerInnen!
Ich bin aufgebracht! Wie hier in dieser Stadt mit ideologischen Minderheiten herumgeköchelt wird und wie sehr hier auch schon die sprachliche Verrohschinkung sich auf dem täglichen Speiseplan festpaniert hat, das hat in keiner Jausenbox mehr Platz!
Ja geht’s denn noch?
Zu dem Vorfall, dem konkreten, der mir die Schokostreußel aus der Waffel trieb:
„Mürzzuschlag darf nicht Wien werden!“ hieß es da im offiziellen Farbbekennungsblatt unserer
Mürzer Blaugenossenschaft!
Was mir da jetzt die Hagebutte derart an die Decke steigen lässt?
Nun, da getraut sich endlich einmal jemand in Schrift zu fassen, was seid ewig eh ein offenes Küchengeheimnis ist, und wie reagieren die linksund doppelt links- gerührten Cappuccinos? Empört werden gleich die Prügelgurken aus der Schale gezogen, wird der Kriegszuchini ausgegraben, die Kürbiskeule ausgepackt. Oder, was fast noch schlimmer ist, sie lachen sich vor Spott und Hohn die grünen Tomaten rot, bis sie fast von selbst zu Ketchup platzen. Das tut man nicht.

So geht man nicht um, mit Minderheiten, noch dazu wenn sie lieb es meinen und bei uns längst stammtischlich integriert sind. Selbst wenn manSo geht man nicht um, mit Minderheiten, noch dazu wenn sie lieb es meinen und bei uns längst blau als Farbe schon nicht mag.
„Mürzzuschlag darf nicht Wien werden!“:
Ich frage: Was soll diese gekünstelte Cola-light-Erregung, dieser inszenierte Pseudo-Käs-Skandal?
Natürlich darf Mürzzuschlag Wien nicht werden, weil es dann ja, als nach dieser Rezeptur verbranntes Kochergebnis, ergo überall ganz voller Wiener wär‘!
Man stell sich vor, dieses Szenario, da kommt kein Horrorkino mit: Lauter Posbischils und Navradils, Hausmeister überall, die sich in ärmellosen Unterleiberln aus den Fenstern hängen, mit rotweinroten Argusaugen durch die Gassen scannen, alles immer wissen, jedes Hundewurzi persönlich und mit Namen kennen. Würschtelbuden, die wie Pilze aus dem Mürzzuschlager Betonland schießen, Burenhaut und Klobasse die aus ständig köchelnden Imigrantenkesseln böse Dämpfe dampfen, Ottakringer, Schwechater, der Supergau!
Fremder Heurigengesang schaurig an allen Straßenecken, Klänge, die man nicht einmal im Urlaub hören will.
Dazu Fiaker, die um Gulasch betteln!
Alles voller Fremdkultur!
Überhaupt, man ist sich dieser Bedrohung ja gar nicht bewusst, schon hinter dem Zauberberg lauern scharenweise fremden Horden,machen auf sich durchs Gestein in unsere Zivilisation
zu graben. Ganz Niederösterreich ist ein Aufmarschgebiet, ein einziges. Deswegen sag auch ich:
Mürzzuschlag darf nicht Wien werden!
Stopp der Übermundelung!
Semmering: Aufschütten statt Durchlöchern!
Niederösterreich: Einzäunen und Wegdenken!

Aber um solche Kulturbedrohung zu erkennen, braucht es eben aktive, wache Mahner.
Und darum möchte ich jetzt einmal ein Mikadostangerl für unsere blaugesinnten Freunde übers Knie mir knicken:
Es ist doch gut, wenn jemand einmal eine Sprache spricht, die man mit jeder x-beliebigen Anzahl von Chromosomen noch versteht! Und, ihr Chef der macht das vor, indem man dazu noch in Brüllaffenphonetik, ausdrucksstarker Fliegenfängerfuchtelgestikund neuseeländischer Haka-Mimik seinem Vortrag Gestalt gibt, zeigt man, dass man auch für Blind und Taub viel übrig hat. Das ist löblich und grüner als selbst die Grünen selber, eigentlich. Und überhaupt, was wird denen immer für ein falsches Untertasserl unter ihr ideologische Häferl gestellt?
Ich distanziere mich davon! Auch davon, dass im Häferl selber sowieso auch nur ein großer Brauner aufs Umrühren wartet.
Sie wissen schon, die seien so, wie Milka-Schokohasen, außen eher bläulich, innen eher, eh schon wissen; und dann so schokohaserlmäßig, noch weiter innen gefüllt so mit eben eher... nichts.
Unsinn! Man braucht nur schauen: schon wie lieb die von Plakaten lachen, immer freundlich, Gesichter voller Zähne, ein Blick der keine Milch versäuert.
Freundlich sind die, höflich, dynamisch, jung und das auf ewig!
Immer lächeln die, man kennt das sonst nur von den Asiaten, fast könnt man meinen, sie hätten alle Dauerstandgebläse im Schritt sich eingebaut.
Was spirituell auch viel erklären würde, denn, wenn mittig ständig es am Röhrchen zieht, erfolgt oben zwangsläufig irgendwann einmal Nirvana.
Also Schluß mit Ausgrenzung und Diffamierungen, reichen wir unseren blauen Brüdern die Bruderhand und nehmen sie dankend als Wächter unserer hinterländischen Na-Dann-Aber-Guten-Abendkultur an.
So, nun, nach viel Kritik noch etwas, dass es zu loben gilt: Man kann Mürzzuschlag und vor allem seinen gemeindlichen Vertretern und somit auch Entscheidungsscherpas ja vieles vorwerfen, dass sie schnell auf aktuelle Trends aufspringen, das allerdings nicht.
Fast möchte man meinen, in Mürzzuschlag gibt es fließend Wasser nur, weil es sowieso hier überall von oben kommt.
Umso erfreulicher, dass man bei einem Trend nun voranreitet, Geist zur Innovation beweist.
Mancher wird sich gefragt schon haben, warum an allen Ecken Bagger graben, Laster fahren.
Straßensanierungsmaßnahmen, werden viele denken denken, doch wenn man mit dem Mürzerschlaglocherkennungssystem vertraut ist (dazu benötigt: zwei Mann, einer steigt ins Schlagloch, wenn der andere ihn aus zehn Meter Entfernung noch sehen kann, ist es kein Schlagloch), weiß man, dass das so nicht stimmen kann.
Und die Grabungsarbeiten sind jetzt auch nicht archäologisch motiviert, nein, sondern, und
das ist genial, es sind weltweit erstmals flächendeckend durchgeführte demographische Grabungen. Um der hiesigen rasanten Bevölkerungsentweichung entgegenzuwirken
gräbt emsig man im Mürzer Boden nach dem wahren Erdenschatz, nach geheimen Gängen, Bunkern, Kellergewölben, eine ganze Zweitstadt hofft man auszuheben. Statt auf Erdöl
zählt man hier auf rasanten Bevölkerungszuwachs, nicht das schwarze, das bleichweiße Gold ist Erdbewegungsziel.
In diesem Sinne: Bravo und Glückauf! Möge man
Mürzzuschlag bald zur einwohnererstarkten Metropole
geschaufelt haben!
Mit freundlichen Grüßen, freundlichst,
Ihr Herta Freundlich.

PS: Soeben erreicht mich noch die Meldung einer ungeheuren, beispiellosen Provokation!
In Wien sollen massenhaft Plakate aufgetaucht sein, die groß den Slogan tragen:
„Wien darf nicht Mürzzuschlag werden!“
Ein Skandal!

Der Text versteht sich als Satire und will als solche auch verstanden werden. Wer persönlich sich beleidigt fühlt, der interpretiert wohl falsch und ist entschuldigt.
*Herta Freundlich ist wechselweise eine Ein-und Mehrmannshow und plant in Zukunft regelmäßig Veranstaltungen und Programme satirischen und auch anderen Inhalts. Herta Freundlich bekommt auch heuer noch eine eigene Early-Night-Show und wird Franz Kafka nach Mürzzuschlag holen.
Bei Interesse bitte um Kontakt unter hertafreundlich@aon.at.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

9. November 2012