9. Brief vom Juni 2014

 

 

Vorab: Herta Freundlich, das ist nicht K nicht S und gar schon überhaupt nicht FPÖ, auch nicht Schwarz, Grün oder Orange. Herta Freundlich aber dankt den Herren Franz und Franz und den Ihrigen für die Bereitstellung einer Seite hier und zollt dem gelebten Umgang mit freier Meinungsveräußerung aufrichtigen Respekt.

Liebe Innen und Mürzer!
Da mein Wiener Teilzeitexilantentum mich von frischgezapften, zweifellos maßkrugweise vorhandenen
Gemeindeneuigkeiten fernhielt und hält und mir darum echt so etwas von echt nichts Schreibbarem einfällt, bleibt mir
nichts anderes übrig, als das im Februar dieses Jahres zufällig in meine Hände geratene – der Oberfaschingsbeauftragte
der Stadt hat es im Testa Rossa gegen einen Obstler und ein lustiges Aufziehmännchen eingetauscht – Protokoll einer
geheimen Gemeinderatssitzung zu veröffentlichen. Aus Angst vor etwaigen Repressalien ob der Brisanz des Inhalts,
wurden alle Namen, bis auf „Bürgermeister“, der sowieso namentlich nicht erwähnt wird, geändert.
Bürgermeister:
Meine lieben Genossen, Freunde, und Mitstreiter - Freundschaft!
Und auch ihr, meine lieben Bauernschädln und Gewerbetreibenden in der neunten Erbfolgegeneration, liebe
Graserlstreichler und Gänsemblümchenzutzler, liebe Ostblocker! Ja, und ihr natürlich auch...lie.. Volks... dings... ja, ich
red für euch auch langsam, gell!
Ich habe diese außerordentliche gemeine Geheimratssitzung, geheime Gemeinderatssitzung, einberufen, weil, es brennt
der Bär, und steppt der Hut – kurz, die Lage ist ernst! Unsere Finanzen sind im Keller, sagt der Stadtschatzmeister. Und,
ich muss euch leider sagen, ich hab' nachgesehn, nein – da sind sie auch nicht.
Bis auf einen verhungerten Bisamratz, nebst dem verdurschteten Hausmeister, von dem wir geglaubt haben, der wär
1998 in Nagano geblieben, und ein paar Waschmaschinenschachteln mit Gemeinderatsspesenrechnungen, hab' ich da
nichts gefunden!
Also liebe Leute! Ich will Vorschläge, augenblicklich, ansonst, ganz ehrlich, müssen wir den Betrieb hier noch
zusperren und anfragen, ob wir vielleicht ins Joglland hinüberfusionieren dürfen, weil, ohne mostbedingten
Großhirnvolltutscher nimmt uns ja sonst keiner mehr! Also?
Augenblicklich und bis in die runden Spitzen seiner 48-Gummistiefel motiviert, erhebt sich der hiesige Großbauer
Franz „Söchbauer“ Rinnmaierhofer:
Jo, mei, göll i hob mir gedocht, göll, jetzt wou die Leid immer deppada wean und sölber nur mehr fressn wia die Kia,
göll, do bleim mir jo jetzt immer mehr die Kia über. Waül, waunn du söwa frisst wia a Kuah, dann frisst du jo ka
aundere Kuah ned. Und, göll, jetzt is so a Kuah, waunns kana frisst, jo a orm.
Hob i mir docht, setz ma auf Erlebnistourismus, moch ma am Stodtplotz regelmäßig Kuahkaumpfveraunstoltungen für
Jedermaunn, waül, göll, da Perchtenlauf der geht jo a, und do derfst du no ned amoi einistechn, in die Hörndlviehcher...
Die grüne Gemeinderätin Johanna Hanfling überlegt grundsätzlich heftig Einspruch zu erheben, da sie seit ihrem
Studium auf der Universität für Bodenkultur in Wien aber nur mehr Hochdeutsch spricht und außer „Kühen“ nichts
verstanden hat, lässt sie es. Dafür ergreift der Freiheitliche Gemeinderat August Blaczwynckyc das Wort.:
Kameraden! Ich sage euch, weil es euch ich sage und eigentlich aber eh nur ER es sagen euch kann! Und darum sage
ich euch: ich bin auch für sanften Terrorismus! Und da sage ich euch, wie ER auch sagt, wir müssen uns da orientieren
an die aufstrebenden Gruppen, die jungen braven und anständigen! Und gerade in der verbauten Zone – und von
auswärts, da sagen viele, ja fast alle, sie haben noch nie so etwas verbautes gesehn, wie hier – gerade hier im Verbauten,
da bietet es sich an, dass man setzt auf Trendsport: Häuserkampf. Mit die Farbpatronenschießgewehr! Ja, gut, musst du
vielleicht vor Chineser, Schabanack und Nedim Sandsäcke aufbauen, aber sonst...
Die grüne Gemeinderätin Johanna Hanfling, die, völlig zurecht, gleich mit Redebeginn heftig Einspruch erheben
wollte, ist, da die Worte „sanfter Tourismus“ für sie immer eine ungemein beruhigende Wirkung haben und sie seit
ihrem Studium auf der Universität für Bodenkultur Probleme mir dem Verständnis der hiesigen Lautmalerei hat,
stattdessen selig und biologisch abbaubar sabbernd eingeschlafen.
Bürgermeister:
Ja, liebe Leute, so wird das nichts, gell!
Franz „Söchbauer“ Rinnmaierhofer:
Jo, i woaß eh ned wos am Jougllaund sou schlecht sein sui...
Bürgermeister:
Gusch!
Der Gemeinderatsgenosse der kommunistischen Partei Österreichs, Sepp Blechlin, erhebt sich verheißungsvoll zu einer
offensichtlich bedeutsamen Rede. Alle Anwesenden augenblicklich wie im Chor, sogar die grüne Gemeinderätin
Johanna Hanfling schrickt kurz aus dem Schlaf:
Gusch!
Bürgermeister:
Wie gesagt, so wird das nichts! Darum, weil ich ja weiß, was ihr an mir habt, und ich ja schon damit gerechnet habe,
dass von euch nur der übliche Topfen kommt – hab' ich die Lösung natürlich schon so einfach wie genial ausgearbeitet.
Wie ihr sicher alle nicht wisst, ist Raaba völlig ungerechtfertigt die reichste Gemeinde der Steiermark! Also, morgen,
gell, Mitternacht, treffen wir uns alle pünktlich zur Abfahrt am Stadtplatz, Codewort „Aktion Eisensäge“. Herzlichen
Dank der Firma Jaklin für das Materialsponsoring. Dann werd' ma schnurstracks ratzfatz – oder besser, ritzratz - alle
Ortstafeln austauschen, Problem gelöst, um sechse in der Früh sitzen wir schon beim Felber beim
Nachbesprechungsbier, dass wir und dann ja wieder leisten können. So, und jetzt gemma, weils ja kein Problem mehr
gibt, mit die letzten Netsch auf eine Runde zum Winkler. Und lassts mir die Grüne schlafen, die sudert sonst nur wieder,
dass des Blunzngröstl ned vegan ist... Ahja, und bevor ich drauf vergess, der Hausmeister, der bleibt offiziell in Nagano!
Warum der Plan bis dato nicht in die Tat umgesetzt wurde, bleibt ein Rätsel!
In diesem Sinne:
Frieden, Liebe, Teiflszeig,
Ihr
Herta Freundlich

Ihr Herta Freundlich

 

 

Der Text versteht sich als Satire und will auch so verstanden werden. Wer persönlich sich beleidigt fühlt, der interpretiert wohl falsch und ist entschuldigt.

 

 
 

9. Juli 2014