Auf den Spuren von Herta Reich

von Heimo Halbrainer

Die heute in Jerusalem lebende Herta Reich gibt in ihren Erinnerungen1(Anm. der Redaktion: mittlerweile verstarb Herta Reich im Februar 2012 ) auch Einblick in ihre »alte Heimat« Mürzzuschlag und Umgebung, wo sie am 19. September 1917 als Herta Eisler geboren wurde. Ihre Eltern hatten sich – wie rund hundert weitere Jüdinnen und Juden – in Mürzzuschlag niedergelassen, nachdem im Jahr 1867 mit dem Staatsgrundgesetz die seit dem Mittelalter geltende »Judensperre« für Innerösterreich aufgehoben worden war. 2

Im Folgenden soll an Hand der Geschichte der seit 1944 in Tel Aviv bzw. Jerusalem lebenden Herta Reich beispielhaft das Schicksal jener Generation von Jüdinnen nachgezeichnet werden, die noch in der Zeit der Monarchie in der steirischen Provinz geboren wurde, in einem teilweise stark antisemitischen Umfeld in den 1920er und 1930er Jahren aufwuchs und deren Existenz durch den Nationalsozialismus zerstört wurde.

»Aufgewachsen bin ich in den Bergen und herrlicher Landschaft«

Herta Eislers Vater Ignaz ließ sich gemeinsam mit seiner Mutter Rosa aus Klagenfurt kommend 1912 in Mürzzuschlag als Kaufmann nieder und heiratete – kurz bevor er in den Ersten Weltkrieg zog – am 3. Juni 1915 die aus Gmünd stammende Katharina Schwarz. Herta Eislers Großvater Samuel Mayer Eisler war aus dem Gebiet um Komárom in Ungarn nach Klagenfurt übersiedelt, wo er zwischen 1890 und seinem Tod 1903 als Rabbinatsverweser (Religionslehrer, Schächter und Beschneider) des »Israelitischen Cultusvereins Klagenfurt« fungierte.3 Mit dem frühen Tod von Samuel Mayer Eisler endete auch die stark religiös bestimmte Tradition der Familie, denn auch Hertas Urgroßvater war Rabbiner in Osijek (Esseg) gewesen.

Ignaz Eisler übte bereits einen säkularen Beruf als Kaufmann – zuerst in Klagenfurt, dann in Mürzzuschlag – aus. Für Herta Eisler und ihre beiden jüngeren Geschwister Erich und Lilly spielte das religiöse Leben kaum noch eine Rolle, obwohl ihr Vater bestrebt war, das Judentum an die Kinder weiterzugeben:

»Wir wussten nicht viel übers Judentum. Mein Vater hat uns die Haggadah am Sederabend erklärt, wir haben mehr oder weniger zugehört. Es war sehr feierlich, mein Vater hat es sehr ernst genommen. Er hat Chanukkakerzen mit uns angezündet und die hohen Feiertage in Wien begangen. Der Religionsunterricht am Sonntag vormittags war von einem Rabbiner, der aus Leoben kam, wo wir überhaupt nichts gelernt haben. Man kann von einem Stolz aufs Judentum nicht sprechen, wenn man sehr wenig darüber wusste.«4

Ignaz Eisler vor seinem Geschäft in der Toni-Schrufgasse

Dieser Assimilierungsprozess der Familie Eisler innerhalb ganz kurzer Zeit ist ein Spiegel der allgemeinen Assimilierungstendenzen österreichischer Juden. Hatte es in Mürzzuschlag im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts noch eine kleine jüdische Gemeinschaft mit einem rituellen Schächter und einem aus Graz bzw. Leoben kommenden Religionslehrer, der die Kinder am Sonntag unterrichtete, gegeben, so kam es um die Jahrhundertwende einerseits mangels jüdischer Infrastruktur zu einem Wegzug von Juden aus der Stadt, andererseits zu einer Assimilierung bis hin zur Aufgabe des Judentums.5 In den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts lebten in Mürzzuschlag noch zwei bis drei jüdische Familien, jedoch gab es kein gemeinsames jüdisches Leben mehr.

Ungeachtet der – im Vergleich zu Wien – geringen Zahl an Juden herrschte durch all die Jahre ein zum Teil rabiater Antisemitismus. Dieser war ab den 1890er Jahren vor allem von den Deutschnationalen Georg Ritter von Schönerers getragen worden. Im Zuge wirtschaftlicher und politischer Stabilisierung nach dem Ersten Weltkrieg verlor er zwar an Aktualität, verschwand jedoch nie ganz.

In diesem Klima – Assimilation und Antisemitismus beinahe ohne Juden – wuchs Herta Eisler auf. Sie besuchte die Pflichtschule in Mürzzuschlag, ehe sie Anfang der dreißiger Jahre nach Wien ging, wo sie eine Handelsschule absolvierte, um danach im elterlichen Geschäft in Mürzzuschlag zu arbeiten. Sie war integriert, wie auch die gesamte Familie Eisler zu den geachteten und angesehenen Kaufmannsfamilien der Stadt zählte. Die Eislers waren sozial eingestellt und standen den Sozialdemokraten nahe. Herta Eisler war sportlich aktiv, was für sie als Jüdin bis 1934 nur im sozialdemokratischen Arbeiterturnverein möglich war. Besonders die Bergtouren mit ihrem Freundeskreis hatten es ihr angetan. Nach der Zerschlagung der Arbeiterbewegung 1934 und dem Aufstieg des Nationalsozialismus zerbrach zwar eine Teilwelt, doch meint Herta Reich rückblickend:

»Wir haben nichts vom Antisemitismus gespürt. Bis knapp vor 1938. Es gab Geschäftsleute, welche Nazis waren, aber wir hatten nie irgendwelche Konflikte. Wir spürten leider nicht die Gefahr vor 1938. Und danach konnten wir es nicht erfassen, erst bis die Gestapo mich im Sommer verhaftete und nach Graz brachte und ich dann binnen zwei Tagen Österreich verlassen musste und sie meinen Vater und Bruder am 10. November 1938 nach Dachau brachten, da haben wir endlich gewusst und begriffen.«

Verfolgung und Vertreibung

Nach dem Einmarsch deutscher Truppen setzten die Nationalsozialisten behördliche Maßnahmen zur Eliminierung der Juden aus dem öffentlichen Leben und der Berufswelt. Mit der Entziehung der Existenzgrundlage durch ein Netz von Berufsverboten und dem Raub jüdischen Vermögens durch die sogenannte »Arisierung« sollten die Juden zur Auswanderung gezwungen werden. Auch Herta Eisler sah sich von einem Tag auf den anderen ausgegrenzt. Die nicht ausgeprägte jüdische Identität, das Gefühl, nicht anders zu sein als die anderen, ließ sie die plötzliche Verfolgung und Vertreibung noch schlimmer erleben. Während andere Betroffene sich an einer starken – religiös oder national bestimmten – jüdischen Identität oder an der Zugehörigkeit zu einer politischen Gesinnungsgemeinschaft festhalten konnten, war es für Herta Eisler ein Fall ins Bodenlose.

»Ich hatte nie das Gefühl des Andersseins; nicht vor und nicht nach 1938. In der Schule habe ich nie gelitten und habe die ausgezeichneten Lehrerinnen geliebt. Ich war da geboren, habe die Stadt, die Menschen und die Natur geliebt. Ich war so assimiliert, dass es unmöglich zu verstehen war, was da passierte – bis zu meiner Ausweisung. Binnen zweier Tage Österreich zu verlassen. Da habe ich so einigermaßen verstanden.«7

Welche Auswirkungen das neue politische System in den ersten Monaten nach dem »Anschluss« auf die jüdischen Familien in Mürzzuschlag hatte, können wir aufgrund spärlicher Quellen nur erahnen. Ins Geschäft kamen »ab März 1938 natürlich weniger Kunden, aber von denen die kamen, haben uns so manche ihre Loyalität ausgesprochen«. Ansonsten konnte sie die Freunde und Freundinnen nur noch heimlich hinter dem Friedhof treffen.

Mitte August traf die Familie Eisler der erste harte Schlag. Lokale Nationalsozialisten führten eine Hausdurchsuchung und Beschlagnahmung durch, wie Raubzüge der Nazis euphemistisch umschrieben wurden. Sie verwüsteten das Geschäft und raubten den Schmuck der Mutter und gesparte Goldstücke. Herta Eisler wurde verhaftet und nach Graz in das Gestapogefängnis gebracht, von wo sie am 23. August mit der Aufforderung, das Land binnen zweier Tage zu verlassen, entlassen wurde. Der Grund ihrer Verhaftung war, dass sie mit ihrem Jugendfreund Karl Lotter, der im Spanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Republik kämpfte, über eine Pariser Kontaktstelle in brieflicher Verbindung stand.

Der Überfall auf das Geschäft der Familie Eisler war jedoch nur das Vorspiel für das, was drei Monate später geschah. Im Zuge der so genannten »Reichskristallnacht« (9./10. November 1938) wurden in Mürzzuschlag neben Herta Eislers Vater Ignaz auch ihr Bruder Erich und der Kaufmann Franz Haas sowie dessen nach Mürzzuschlag abgeschobener Schwiegersohn Paul Schönberger verhaftet und in das KZ Dachau überstellt.

Suche nach Fluchtmöglichkeiten

Nach der Entlassung aus der Gestapohaft fuhr Herta Eisler nach Wien. Dort erfuhr sie, dass die Schweizer und die französische Grenze für jüdische Flüchtlinge gesperrt waren. Da sie keinerlei Kontakt zu jüdischen Organisationen hatte, die ihr weiterhelfen hätten können, entschloss sie sich, allein nach Holland zu fliehen. Beim Versuch, Deutschland mittels eines Schiffes zu verlassen, wurde sie festgenommen. Nach einigen Tagen Haft versuchte sie es auf dem Landweg nach Belgien. Gemeinsam mit Nonnen, die von Aachen aus eine Wallfahrt unternahmen, überquerte sie die belgische Grenze. In Brüssel lebte sie einen Monat lang illegal, ehe sie auf der Straße verhaftet und nach Deutschland abgeschoben wurde. Da sie nicht nach Mürzzuschlag zurückkehren konnte, fuhr sie wieder nach Wien.

»Ich blieb in Wien. Ohne Arbeit selbstverständlich. Ohne Geld. Einmal da. Einmal dort. Ohne Zuhause. Provisorisch, sozusagen. In der Luft. Aber immer in Gefahr und Angst. Das war das einzig Beständige.«

In Wien hörte Herta Eisler das erste Mal von Palästina als möglichem Zufluchtsort und ging deshalb zur Vorbereitung auf »Hachschara« nach Moosbrunn. Dort erhielten Menschen, die nach Palästina auswandern wollten, auf einem Gutshof mit Feldern und Kühen eine knappe landwirtschaftliche Ausbildung.

In der Zwischenzeit kamen auch die restlichen Mitglieder der Familie Eisler nach Wien. Als Ignaz und Erich Eisler am 23. Dezember 1938 aus dem KZ Dachau nach Mürzzuschlag zurückkehrten, wo das Geschäft bereits »arisiert« worden war, teilten der Kreisleiter Fritz Amreich und der Bürgermeister Franz Neukirchner der Familie Eisler mit, dass sie die Stadt unverzüglich zu verlassen hätten. Die Eltern wohnten in Wien in einem schäbigen und billigen Zimmer in der Praterstraße und schmiedeten Auswanderungspläne.

Die Auswanderung wurde seit August 1938 durch die von Adolf Eichmann geleitete »Zentralstelle für jüdische Auswanderung« geregelt.8 Mit Kriegsbeginn setzte Eichmann neue Maßnahmen zur »Lösung der Judenfrage«, indem er erste Zwangsverschickungen in den Osten durchführte und dadurch Druck auf die jüdischen und zionistischen Organisationen, die die Auswanderung in der Praxis zu organisieren hatten, ausübte. Damit wuchs der Flüchtlingsstrom erneut, gleichzeitig begann die »freie Welt« ihre Tore für die Flüchtlinge zu verschließen. Die Folge war, dass Palästina plötzlich zu einem begehrten Fluchtziel wurde, auch für all jene, die wie bis dahin Herta Eisler keinen Bezug zur zionistischen Bewegung gehabt hatten.

Illegale Palästinatransporte

War die Einwanderung nach Palästina durch die Beschränkungen der britischen Mandatsregierung bereits vor dem »Anschluss« Österreichs an das Deutsche Reich schwierig gewesen, so wurde sie nun legal fast unmöglich. Die vom »Hechaluz« organisierte Vorbereitung jüdischer »Pioniere« auf ein künftiges Leben in Palästina, die neben der landwirtschaftlichen Ausbildung auch aus einer Einführung in die zionistische Ideologie und aus Hebräischunterricht bestand, wurde nun gestürmt. Um Flüchtlinge nach Palästina zu bringen, mussten seit Kriegsbeginn illegale Transporte – die sogenannte »Alija Bet« – organisiert werden. Zionistische Organisationen – die rechtsgerichteten Revisionisten bzw. der »Mossad« – erwarben zu stark überhöhten Preisen alte, oft schrottreife Frachter und bauten sie für den Transport von Per- sonen um. Da die Nachbarländer des Deutschen Reichs keine Transitvisa mehr für jüdische Flüchtlinge ausstellten, konnten sich diese nicht wie bisher in den Adriahäfen einschiffen. Als neue Fluchtroute wurde nun die Donau gewählt, über die das Schwarze Meer erreicht werden konnte.9

Angesichts der für die Juden immer schlimmer werdenden Lage traf der »Hechaluz« im Herbst 1939 die folgenschwere Entscheidung, seine noch in Wien befindlichen Mitglieder außer Landes zu bringen, obwohl an der Donaumündung kein Hochseedampfer für ihren Weitertransport nach Palästina bereitstand. Am 25. November 1939 verließ Herta Eisler daher mit rund achthundert Flüchtlingen Wien. In Bratislava kamen etwa zweihundert weitere jüdische Flüchtlinge aus Berlin und Danzig hinzu, welche die Stadt so rasch wie möglich verlassen mussten, da die slowakische Regierung mit ihrer Rückstellung an die deutsche Grenze drohte. Zudem war zu befürchten, dass die Donau bald zufrieren würde.

Nachdem sich nun auch die Donaudampfschifffahrtsgesellschaft weigerte, die Fahrt fortzusetzen, da für die Umschiffung an der Donaumündung noch immer kein Schiff bereitstand, wurden die Passagiere einen Tag nach der Abreise, am 14. Dezember, auf drei jugoslawische Ausflugsschiffe transferiert, die vom Generalsekretär des Verbandes der jüdischen Gemeinden in Jugoslawien gechartert worden waren. Doch die Fahrt endete bald wieder, da Rumänien die Durchreise mit dem Argument verbot, dass mangels eines Schiffs an der Donaumündung die Weiterfahrt nicht gesichert wäre. Am Silvestertag 1939 wurden die Schiffe in den Winterhafen von Kladovo nahe dem Eisernen Tor eingewiesen. Auf den Schiffen herrschten unerträgliche Zustände, wie Herta Eisler berichtet:

»Wir überwinterten auf den primitiven Schiffen, die in der Donau einfroren. Das Wasser in den paar Duschen fror ebenfalls ein. Das Trinkwasser holte man aus dem Eis der Donau. Fast alle bekamen Dysenterie, Läuse und Skabies. Das Essen bekamen wir vom Land gebracht. Es wurde von den jugoslawischen Juden irgendwie organisiert. Jeden Tag dasselbe. Zweimal täglich Tee mit Schnaps, einmal Nudeln mit Powidl, abwechselnd mit faschiertem Fleisch. Die Menschen bekamen Skorbut, ich hatte eine schwere Furunkulose am ganzen Körper aus Vitaminmangel. Wir warteten. Aufs Frühjahr, auf ein bisschen Sonne und Wärme.«

Nach Wochen erhielten die Flüchtlinge die Erlaubnis, zeitlich begrenzt das Schiff zu verlassen, und erst als
die Schifffahrtsgesellschaft auf die Räumung der Schiffe drängte, konnten sie in Zeltlager und Baracken am Ufer übersiedeln. Da sich in der Nähe ihres Lagers Sümpfe befanden, grassierte bald die Malaria. Dazu kamen noch verwirrende Nachrichten über die Weiterfahrt. Eimal er- wartete die Gestrandeten ein Hochseeschiff am Schwar- zen Meer, dann wieder nicht – und so blieben sie weiter in Kladovo.

Zeit der Unsicherheit

Für Herta Eisler brachte das Frühjahr 1940 dennoch Erfreuliches. Aus Zagreb kam eine Gruppe von zwanzig Jugendlichen aus Bielitz (Bielsko-Biala) in Polen zu ihnen. Diesen war im tiefsten Winter eine dramatische Flucht über Russland, die Karpaten und Ungarn bis nach Zagreb gelungen.

»Das Frühjahr und der Sommer 1940 brachten für mich wieder mehr Lebensfreude und vor allem die Freundschaft mit Romek. Während des Tages schwammen wir nackt in der Donau. Die Sommernächte am Strom waren heiß. Wir schliefen im hohen Ufergras. Zwei junge Menschen, die alles verloren hatten.«

In der Zwischenzeit passierte das Schiff mit Hertas Eltern und ihrer Schwester Lilly Kladovo und erreichte nach Überwindung vieler Probleme und Verzögerungen im November 1940 die Küste von Palästina. Dort wurden die Schiffe von den Briten aufgebracht und die Passagiere auf den ehemaligen französischen Luxusdampfer  »Patria« umgeschifft. Während des Transfers der Passagiere kam es am 24. November 1940 zu einer Explosion an Bord der »Patria«, sodass das Schiff innerhalb weniger Minuten sank und 267 Menschen, unter ihnen Lilly Eisler, ums Leben kamen. Die Sprengladung war von einigen Mitgliedern der Führung der »Hagana«, der jüdischen Untergrundarmee in Palästina, angebracht worden und sollte das Schiff lediglich beschädigen und durch die damit erzwungenen Reparaturarbeiten eine Verbringung der Passagiere an Land erzwingen. Die Menge des Sprengstoffes war jedoch falsch berechnet worden, weshalb die »Patria« sofort Schlagseite bekam und sank. In einem durch öffentlichen Druck erwirkten Gnadenakt ließ die britische Regierung die Überlebenden der »Patria« – unter ihnen Ignaz und Katharina Eisler – an Land, wo sie in ein Internierungslager kamen.

Im September 1940 verließ die Gruppe von Herta Eisler endlich Kladovo, doch nicht Richtung Donaudelta, sondern stromaufwärts in die serbische Ortschaft Šabac. Obwohl die Flüchtlinge hier mehr Bewegungsfreiheit genossen – so suchten viele trotz Verbot Arbeit bei der ortsansässigen Bevölkerung –, blieb eines gleich: die Unsicherheit, was nun mit ihnen geschehen würde. Mehrmals wurde der Aufbruch angekündigt und in letzter Sekunde wieder abgesagt. Während die Gestrandeten für die Misere vielfach die Reiseleitung oder auch die Verwandten im Ausland, die angeblich zuwenig für ihre Rettung unternahmen, verantwortlich machten, beschritten die polnischen Juden einen anderen Weg, der auch für Herta Eisler die Rettung brachte:

»Die Chawerim10 waren fatalistisch geworden. Das heißt, die österreichischen und deutschen Juden vom Transport; aber nicht die polnische Gruppe. Die Polen hatten immer ein Gefühl für Gefahr. Sie hatten Initiative und verloren nie die Hoffnung. [...] Ende Februar, Anfang März begann die polnische Gruppe, ohne Erlaubnis unserer Transportleitung nach Belgrad zu fahren, um irgendeine Lösung aus dieser Untätigkeit und Ausweglosigkeit zu finden. Sie kamen immer wieder einzeln nach Šabac zurück, den dagebliebenen Polen zu berichten, welche Fortschritte sie erzielten.«

Flucht aus Šabac

Als Romek Reich Ende März 1941 von Belgrad mit der freudigen Nachricht nach Šabac zurückkehrte, dass alle Polen in einigen Tagen Pässe erhalten würden, beschlossen er und Herta Eisler zu heiraten, um gemeinsam den Transport verlassen zu können. Die Hochzeit führte am 24. März 1941 ein sephardischer Rabbiner in einem Büro des Lagers durch. Gleich danach fuhren Romek, sein Bruder Stefek, Hugo Schlesinger und einige Polen nach Belgrad, um die versprochenen Pässe abzuholen. Als sie in Belgrad ankamen, herrschte dort bereits Chaos; die prodeutsche Regierung war durch einen Militärputsch gestürzt worden und kurz danach begann die deutsche Armee, Belgrad zu bombardieren. Als auch in der Nähe des Lagers in Šabac Schüsse fielen, flüchtete Herta Reich nach Süden.

»Eineinhalb Jahre waren wir isoliert von der übrigen Welt. Tausend Menschen in einer Gemeinschaft mit den gleichen Sorgen und Ängsten und plötzlich verließen wir in überstürzter Panik diese Gemeinschaft, die uns doch einen Zusammenhalt bot, auch wenn es nur Verzweiflung war. Weg von den vorrückenden Deutschen, um Romek zu finden und die Freunde. Das waren meine einzigen Gedanken.«

Nach einer abenteuerlicher Flucht trafen sich Herta und Romek Reich sowie die anderen Polen Anfang Mai 1941 an der dalmatinischen Küste. Beamte des polnischen Konsulats, die ebenfalls dorthin geflohen waren, verteilten unter den polnischen Flüchtlingen das Geld des Konsulats. Herta und Romek Reich und die anderen beschlossen, gemeinsam ihre Flucht über Italien fortzusetzen. Hugo Schlesinger, der Organisator der Gruppe, fertigte für alle aus den vom polnischen Konsulat mitgenommenen Blanko-Pässen »gültige« polnische Pässe mit einem Visum für Ecuador an. Anfang Juni 1941 überquerte die Gruppe illegal die jugoslawisch- italienische Grenze. Über Triest und Venedig gingen bzw. fuhren sie nach Rom, wo das Geld des Konsulats zu Ende ging. Da Hugo Schlesinger sie in ihren Pässen als Katholiken ausgewiesen hatte, verweigerte ihnen die jüdische Gemeinde in Rom jede Hilfe. Als sie kein Geld und nichts mehr zu essen hatten und außerdem noch Romek Reich schwer erkrankte, suchten sie über das chilenische Konsulat, das die Interessen Polens in Italien vertrat, um Internierung an. Am 10. August 1941 wurden sie von der Polizei abgeholt und als Kriegsinternierte in kleine Gebirgsdörfer in den Abruzzen verschickt.

Herta, Romek und Stefek Reich sowie Hugo Schlesinger kamen nach Bomba, wo sie bei einem Bauern zwei Zimmer erhielten und – da die Männer des Ortes im Krieg waren – in der Landwirtschaft bzw. in einem Bergwerk und in einer Zementfabrik außerhalb des Ortes aushalfen.

Die in Šabac Gebliebenen wurden ebenfalls interniert. Als Anfang Oktober 1941 in der Umgebung von Šabac bei Kämpfen zwischen der Wehrmacht und Partisanen 21 deutsche Soldaten fielen, ermordete ein deutsches Exekutionskommando als »Sühnemaßnahme« alle Männer des Kladovo Transportes. Die zurückgebliebenen Frauen und Kinder wurden im Jänner 1942 in das KZ Sajmište bei Belgrad gebracht, wo sie sowie weitere tausend Frauen zwischen März und Juni 1942 in Gaswagen ermordet wurden.

 

Befreiung durch die britische Armee

Von alldem wussten Herta Reich und ihre Gruppe nichts. Sehr wohl aber konnten sie den Frontverlauf zuerst mit Besorgnis und ab 1943 mit Hoffnung verfolgen. Als am 3. September 1943 alliierte Truppen in Süditalien landeten, nachdem zuvor der »Große Faschistische Rat« Mussolini gestürzt und einen Waffenstillstand mit den Alliierten geschlossen hatte, wurde ihre Lage wieder ernst:

»Es waren aufregende Tage. Jeden Tag verfolgten wir auf der Landkarte das Vorrücken der Engländer vom Süden nach Norden, und das der Deutschen vom Norden nach Süden. Wir in der Mitte hatten keinen anderen Ausweg,
als zu den Engländern zu gelangen. [...] Nach dem Sturz Mussolinis betrachteten wir uns nicht mehr als Kriegsinternierte, gingen Mitte September zur Polizei, die ratlos war nach dem politischen Durcheinander, und verlangten eine Bestätigung mit Bild, dass wir in Bomba von August 1941 bis September 1943 interniert waren. Sie gaben uns die Bestätigung sofort. [...] Am selben Tag kam Hugo aufgeregt mit der Nachricht, dass die Deutschen im nächsten Dorf sind. Wir müssten weg, nur weg, so schnell als möglich. Bei den Engländern wären wir gerettet. Bei den Deutschen verloren.«

Noch in derselben Nacht verließen sie Bomba. Nach tage- und vor allem nächtelangen Fußmärschen erreichten sie Ende Oktober 1943 die englischen Stellungen.

Herta und Romek Reich in Bari, November 1943

»Die Engländer sahen uns und brachten die Gewehre in Anschlag. Aber wir gingen mit erhobenen Händen auf sie zu und sagten ihnen, dass wir Juden sind und vor den Deutschen flüchten. Sie halfen uns über die Schützengräben. Es war der erste Schritt in die Freiheit seit fünfeinhalb Jahren, seit dem März 1938. Wir waren überwältigt vor Glück.«

Die Engländer brachten sie weiter in den Süden in eine kleine Stadt nahe Foggia. Von dort ging die Gruppe weiter nach Bari, wo sich ein großes »Displaced Persons«-Lager befand. Sie baten um Arbeit, die sie im »Rest Camp« der berühmten 8. Armee, die in Afrika die Deutschen besiegt hatte, erhielten. Herta und Romek Reich arbeiteten in der Kantine des Camps, wo die Soldaten Urlaub machten, während sich Hugo zur freiwilligen polnischen Armee meldete und gegen die Deutschen in Monte Cassino kämpfte. Herta Reich wurde schwanger und war verzweifelt darüber.

»In so einem provisorischen Dasein wollte ich auf keinen Fall ein Kind. Ein polnisch-jüdischer Arzt, mehr Scharlatan als Arzt, gab mir irgendein Medikament. Ich bekam einen Blutsturz und man fuhr mich in ein kleines Spital zehn Kilometer vom Camp. Dort waren nur Nonnen, die um jeden Preis das Kind erhalten wollten. Und ich wollte es unbedingt verlieren. In der dritten Nacht hatte ich genug von der Fürsorge und flüchtete in der Nacht aus dem Spital ins Camp und war weiter schwanger. [...] Die Schwangerschaft deprimierte mich sehr, aber im fünften Monat gab es keine Möglichkeit für eine Unterbrechung. Romek bemühte sich sehr, von den Engländern eine legale Einreise nach Palästina zu bekommen. Obwohl es uns aussichtslos erschien, von der Militärverwaltung Zertifikate zu erhalten, gab er nicht auf und versuchte es immer wieder voller Hoffnung. Eines Tages hob ich einen schweren Kessel in der Kantine und das war der Anfang vom Ende der Schwangerschaft. Zu Beginn des sechsten Monats.«

Herta und Romek Reich schrieben nach Palästina an Hertas Eltern, die überglücklich über die Nachricht von ihrer Tochter waren, die sie für tot gehalten hatten. Auch nach Šabac schrieben sie mehrmals über das Rote Kreuz, doch konnten sie nichts über den Verbleib des Transportes in Erfahrung bringen. Romek und die anderen Polen bemühten sich weiter um die Einreise nach Palästina: »Romek sprach jeden Tag von Palästina. Ich weniger. Diese ganze polnische Gruppe ist in einer zionistischen Jugendbewegung groß geworden. Ich hatte keinen diesbezüglichen Hintergrund und keine Ideale. Ich ging von Österreich weg, weil Hitler kam. Ich hatte eine Heimat verloren, konnte mir aber keine neue vorstellen. Die Polen aber konnten es und waren glücklich.«

Ein neues Leben in Palästina

Fünfeinhalb Jahre nach Beginn von Herta Reichs illegaler Flucht erhielten sie und ihr Mann am 26. Mai 1944 ein legales Einreisezertifikat nach Palästina. Ein Kriegs- schiff, auf dem sich zweitausend indische Soldaten befanden, brachte sie nach Alexandria, wo sie am 5. Juni landeten. Mit dem Zug fuhren sie nach Tel Aviv, wo Hertas Eltern in ärmlichen Verhältnissen lebten. Herta Reich war erschüttert. Aber auch das junge Ehepaar hatte zu kämpfen:

»Ich bekam damals Arbeit in einer Wollweberei, mein Mann war drei Monate arbeitslos, bis er bei den Engländern in einer Rüstungsfabrik als Eisendreher Arbeit bekam. So konnten wir einen kleinen Teil des Lohnes meinen Eltern geben, damit sie wenigstens ein bissl zu essen hatten. Wir wohnten damals in einem Dachaufbau. Zwei mal zwei Meter, ein Bett und ein Sessel gingen hinein, ohne Wasser, ohne Klo, gegessen haben wir auf der Straße.«11

Die schlechte materielle Lage bewog die Eltern 1948 zur Rückkehr nach Österreich. Als kurz darauf Romek Reich im israelischen Unabhängigkeitskrieg fiel – Sohn Ronny war gerade ein Jahr alt –, verschwieg Herta Reich dies zwei Jahre lang den Eltern, um sie zu schonen. 1950 besuchte sie ihre Eltern in Mürzzuschlag. Es war ihre einzige und letzte Rückkehr. Abermals war der Eindruck für sie deprimierend: Auf einer kleinen Fläche des früheren Verkaufslokales in der Toni Schruf-Gasse 11 bestritt der Vater seinen Lebensunterhalt mit Bürstenbinden. Nebenan führte der »Ariseur« das Textilgeschäft weiter. Während des Besuches starb der Vater. Nicht nur deshalb war die Stimmung düster – es war eine Zeit, in der die meisten Österreicher nicht an die Jahre zuvor erinnert werden wollten:

»Der Besuch 1950 bei meinen Eltern in Mürzzuschlag war deprimierend, es fällt mir schwer darüber zu schreiben, viel schwerer als über die fünfeinhalb Fluchtjahre. Sie lebten so ärmlich und bescheiden und es tat mir sehr weh. Ich war sehr scheu und traf nur einmal ein paar alte Freunde (darunter Karl Lotter) in einem Kaffeehaus. An andere Begegnungen erinnere ich mich nicht. Vielleicht haben manche sich geschämt, mich anzusprechen. Geblieben ist nur Trauer und das Gefühl des Verlustes – bis heute.«12

Nach dem Tod von Ignaz Eisler folgte Käthe Eisler der Tochter nach Israel und starb bald darauf. Auch Erich Eisler ließ sich um diese Zeit in Israel nieder, wo er als Ingenieur arbeitete. Herta Reich hat ihren Sohn Ronny allein großgezogen. Sie wohnte in Holon bei Tel Aviv und nähte in Heimarbeit Vorhänge. Später übersiedelte sie nach Jerusalem, wo sie noch heute lebt. Ihre Heimatstadt Mürzzuschlag hat sie trotz mehrmaliger Einladung der Bürgermeister nie mehr besucht. Aber auch in Israel fühlt sie sich nach wie vor fremd. ®

Anmerkungen

1 Herta Reich, »Zwei Tage Zeit, um zwanzig Jahre meines jungen Lebens zurückzulassen. In: Heimo Halbrainer (Hg.), Zwei Tage Zeit. Herta Reich und die Spuren jüdischen Lebens in Mürzzuschlag. Graz 1999, 11–37. Die folgenden Zitate stammen, wenn nicht anders angegeben, aus diesen Erinnerungen.
2 Emanuel Baumgarten, Die Juden in Steiermark. Eine historische Skizze. Wien 1903; Erika Weinzierl, Die Stellung der Juden in Österreich seit dem Staatsgrundgesetz von 1867. In: Zeitschrift für die Geschichte der Juden 5 (1968), 89–96.
3 August Walzl, Die Juden in Kärnten und das Dritte Reich. Klagenfurt 1987, 38 ff.; Hermann Th. Schneider, Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Klagenfurt. In: Gotbert Moro (Hg.), Die Landeshauptstadt Klagenfurt. Aus ihrer Vergangenheit und Gegenwart, Bd. 2. Klagenfurt 1970, 280–291.
4 Brief von Herta Reich an Heimo Gruber vom 3.8.1998.
5 Heimo Halbrainer, Juden in der Provinz. Die Geschichte der Juden in der Steiermark. In: transversal. Zeitschrift des Centrums für Jüdische Studien 2/2 (2001), 52–63.
6 Brief von Herta Reich an Heimo Gruber, 16.8.1995.
7 Brief von Herta Reich an Heimo Gruber, 3.8.1998. Ebenso das folgende Zitat.
8 Gabriele Anderl, Emigration und Vertreibung. In: Erika Weinzierl/Otto D. Kulka (Hg.), Vertreibung und Neubeginn. Israelische Bürger österreichischer Herkunft. Wien-Köln-Weimar 1992, 167–337.
9 Dies., Walter Manoschek, Gescheiterte Flucht. Der jüdische »Kladovo- Transport« auf dem Weg nach Palästina 1939–1942. Wien 1993; Alisa Douer (Hg.), Kladovo. Eine Flucht nach Palästina. Escape to Palestine. Wien 2001.

10 Hebr. Freunde, in der Sprache der »Pioniere« aber auch Mitglieder einer Gruppe oder eines Kibbuz.
11 Brief von Herta Reich an Heimo Gruber vom 22.9.1995. 12 Brief von Herta Reich an Heimo Gruber vom 3.8.1998.

 

17. Juli 2014