Die Presse vom 1.Mai 2016

Die sterbende Stadt der Arbeiter

Bild: (c) Austrian Archives / picturedesk

Einst lebten und arbeiteten 12.000 Menschen in Mürzzuschlag. Heute sind es noch 8684. Doch die Stadt wehrt sich heftig gegen ihr Schicksal.

30.04.2016 | 18:23 | von Norbert Rief (Die Presse)

Mürzzuschlag ist eine glückliche Stadt. 13 Uhr, in der Wiener Straße machen alle Geschäfte Mittagspause, aber vor dem Angelfachgeschäft und Tierbedarf Huber stehen Tierfutterpackungen und Angelruten, als wäre ganz normaler Betrieb. Niemand passt auf, jeder mit ein wenig krimineller Energie könnte sich hier hemmungslos bedienen.

Es gibt nicht mehr viele Städte in Österreich, wo man den Bewohnern derart vertrauen kann. Vielleicht ist es aber auch weniger Vertrauen als vielmehr das Wissen, dass kaum Kunden durch die Wiener Straße spazieren. Einerseits sicher, weil alle von der zwei- bis zweieinhalbstündigen Mittagspause wissen. Andererseits aber auch, weil es immer weniger potenzielle Diebe in Mürzzuschlag gibt.
Werbung

Die steirische Stadt am Semmering stirbt. Nicht von heute auf morgen, nicht binnen Jahren, selbst in ein paar Jahrzehnten werden hier noch ein paar Menschen leben. Aber von der einstigen Blüte ist man weit entfernt. 1971 hatte die Stadt 12.000 Einwohner, 1991 waren es 10.000, heute zählt man 8684.

Es ist eine Entwicklung, wie in vielen anderen Städten und Ortschaften in Österreich auch, wo Arbeitsplätze fehlen und es kaum Tourismus gibt. Aber das Schicksal von Mürzzuschlag ist das lebende Beispiel für den strukturellen Wandel, den Industrie und Arbeiterschaft in Österreich durchmachen. Als es noch die Vereinigte österreichische Eisen- und Stahlwerke (Vöest) im Besitz des Staates gab, kümmerte sich der Arbeitgeber um alles: Er gab Kredite, organisierte den Hausbau, unterhielt eine Fußballmannschaft und eine Musikkapelle (trainiert und geübt wurde während der Dienstzeit). Einst beschäftigte die „Verstaatlichte“ in Mürzzuschlag fast 3000 Menschen, heute sind es als privatisierte Böhler Bleche noch etwa 500. Aber die Musikkapelle heißt noch immer Werkskapelle Böhler, auch wenn von den 75 Mitglieder gerade einmal fünf bei Böhler Bleche arbeiten.

Den Wandel sieht man in der Stadt mit leer stehenden Geschäften in der Wiener Straße und leeren Wohnungen in den einstigen Arbeitersiedlungen. Wer sich in Mürzzuschlag etwas kaufen will, bekommt bei Immobilien Ritter um 50.000 € schon eine 70-Quadratmeter-Wohnung angeboten, ein schmuckes Einfamilienhaus mit 269 Quadratmetern Wohnfläche und 1124 Quadratmetern Grund gibt es um 268.000 €.

Als der ORF vor einiger Zeit für die Sendung „Am Schauplatz“ eine einstündige Dokumentation über Mürzzuschlag drehte („Die letzten Arbeiter“) und den langsamen Niedergang zeigte, war die Empörung über das Ergebnis groß. Der ORF habe mit den kritischen Bemerkungen von Interviewpartnern und den Bildern von fast mittellosen Bewohnern „ganz bewusst einen wirtschaftlichen Niedergang der Gemeinde Mürzzuschlag dargestellt – frei nach dem Motto: ,Nur Bad News sind Good News‘“, klagte Bürgermeister Karl Rudischer in einem offenen Brief. Sogar Voestalpine-Chef Wolfgang Eder schaltete sich ein und schrieb einen Beschwerdebrief an ORF-Generalintendant Alexander Wrabetz.

Ein schlechtes Gewissen? Die Aufregung klingt ein wenig nach schlechtem Gewissen. Dabei kann auch die Voestalpine bzw. deren Tochterunternehmen Böhler nichts dafür: Die Zeiten haben sich geändert, die Technik hat sich geändert. Früher, als der Staat das Sagen hatte, konnte man ohne Rücksicht auf Gewinne mit Zehntausenden Menschen in Österreich fertigen und 20, 30 Personen einen Arbeitsschritt machen lassen. Mittlerweile muss ein privates Unternehmen profitabel sein. Die Konkurrenz ist so groß und der Kostendruck so hoch, dass man in Länder mit billigeren Arbeitern ausweichen muss und eine computergesteuerte Maschine statt der 20, 30 Arbeiter einsetzt. So funktioniert Wirtschaft. Aber es ist natürlich unerfreulich, wenn einem die Folgen in der TV-Hauptsendezeit vor Augen geführt werden.

„Ein schlechtes Gewissen? Nein, das haben wir nicht“, meint Peter Felsbach, Konzernsprecher der Voestalpine. „Wir können nichts für diese Entwicklung. Unser Unternehmen notiert an der Börse und ist dazu verdammt, Gewinne zu machen.“ Doch das verstehen nicht alle, wenn man in Mürzzuschlag mit Einheimischen plaudert und sie von den alten Zeiten schwärmen. In den Köpfen der Mitarbeiter, meint Felsbach, sei es dagegen angekommen. „Sie wissen, dass es nicht mehr die 1980er-Jahre sind.“

In den Köpfen der Politiker noch nicht. Man mache der Industrie das Wirtschaften in Österreich und Europa schwer, meint Georg Kapsch, Präsident der Industriellenvereinigung. Und Felsbach spricht davon, dass man „unter den gegebenen Bedingungen das Beste herausholt“.

Das Beste sind für Mürzzuschlag derzeit 500 qualifizierte Arbeiter, die hochwertige Bleche für die Flugzeugindustrie fertigen. Irgendwann kann das China auch, dann wird man entweder etwas Neues fertigen oder wieder Arbeiter abbauen müssen.

„Man muss diese Entwicklung zur Kenntnis nehmen“, meint Bürgermeister Rudischer. Die Stadt könne die Arbeitsplätze nicht ersetzen und nur zum Teil bessere Rahmenbedingungen schaffen. Man versuche, als Wohnstadt interessant zu werden, etwa für die Wiener, die ab 2026 dank des Semmeringtunnels mit dem Zug in einer knappen Stunde anreisen könnten. Derzeit aber hat Karl Rudischer andere Prioritäten: „Eigentlich sehe ich meine Aufgabe vor allem darin, gegen die kollektive Depression anzukämpfen.“

Zahlen
12.000

Menschen lebten und arbeiteten in den 1960er- und 1970er-Jahren in Mürzzuschlag. Hauptarbeitgeber waren die Stahl- und Blechwerke, aber auch die ÖBB beschäftigten damals noch Hunderte Mitarbeiter.
8684

Menschen zählt die Einwohnerstatistik für Mürzzuschlag im Jahr 2016.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.05.2016)

4. Mai 2016