Zeitzeugen: Gustl Schneidhofer erzählt (KPÖ)

Februar 34

Beiträge zur Geschichte der Mürzzuschlager Arbeiterbewegung 40 Seiten
Herausgeber: KPÖ Mürzzuschlag

Diese Broschüre befasst sich mit den Ereignissen im und nach dem Februar 1934. Zeitzeugenberichte, Gerichtsprotokolle, Zeitungsartikel und viele Fotos widerspiegeln die Situation in Mürzzuschlag

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Zeitzeugen: Gustl Schneidhofer erzählt (KPÖ)

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Mit Windeseile verbreitete sich unter uns Arbeitslosen an diesem kalten 12. Februar die Nachricht, dass es einen Putsch gäbe. Die Arbeiter in Linz und Wien widersetzten sich, als es zu Waffensuchungen in Arbeiterheimen kam, und es soll schon zu Streiks und Schießereien gekommen sein. Angesichts dieser Nachrichten waren wir etwas verwirrt und aufgeregt, sie kamen ja auch wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Wir entschlossen uns zum Betriebsrat der Schoeller-Bleckmann-Stahlwerke in Hönigsberg zu gehen und zu versuchen mit dem Betriebsratsobmann Schweighofer zu sprechen, was wir auch machten. Auf unsere Frage, was er als Arbeiterfunktionär zu tun gedenke, antwortete er: “Die Ternitzer arbeiten und haben den Betrieb nicht abgestellt und ich richte mich nach dem, was in Ternitz geschieht!" Diese Antwort eines wichtigen Arbeiterfunktionärs war für uns Jungen nicht nur deprimierend, es war freilich auch lehrreich. Wir fanden hier die Bestätigung unserer jahrelangen Diskussionen mit sozialdemokratisch eingestellten Arbeitervertretern, dass es in der Stunde der Not, bei der Verteidigung der Arbeiterinteressen, bzw. der demokratischen Errungenschaften schlecht aussehen werde. Tatsächlich war es so, dass ein Teil der österreichischen Arbeiterschaft heldenhaft kämpfte, während andere zum Teil aus mangelnden ideologischen Bewusstsein, zum Teil aus Angst, sich in ihren Löchern verkrochen oder sogar ihre Genossen verrieten.

An 2 der darauf folgenden Tage trafen wir uns am Abend im Stadtgebiet bzw. am Stadtrand mit bewaffneten Schutzbündler, es sah aus, als stünde noch eine Auseinandersetzung bevor. Aber bald war diese Illusion vorbei. Was hierauf folgte war eine Schande, nicht nur für das herrschende „christliche Bürgertum“ mit ihren faschistischen Methoden, sondern auch für einen Teil der verantwortlichen Arbeiterfunktionäre der Sozialdemokratischen Partei, die ja für ihre Laxheit und Unkonsequenz teuer zahlen musste. Viele von ihnen wanderten in die Anhaltelager Messendorf und Waltendorf bei Graz oder nach Wöllersdorf in NÖ. Andere wurden zu empfindlichen Kerkerstrafen abgeurteilt. Die weitere Entwicklung wurde sodann von den meisten abwartend beobachtet und bald fand man auch ehemalige Sozialdemokraten und Schutzbündler in den Reihen faschistischer Formationen.

So tragisch es auch ist, dies feststellen zu müssen, es ist die Wahrheit und so gab es nur wenige, die noch an den Sozialismus glaubten. Mit Bitterkeit mussten wir damals miterleben, wie so mancher auch noch dazu bei den Nazis landete. Diese Gefahr, wurde von jenen erst erkannt, als es schon zu spät war und viele von ihnen auf den Schlachtfeldern des 2. Weltkrieges blieben. Mühselig und gefahrvoll war die Arbeit des Wiederaufbaus der illegalen Arbeiterorganisationen und ein Missgeschick oder vielmehr mangelnde Vorsicht war es, was uns schon ein Jahr darauf, 1935, in den Kerker brachte. Ein Treffen sozialistischer Jugendlicher mit Genossen der KPÖ auf der Pretulalpe wurde für einen Teil von uns zum Verhängnis. Wir wurden erwischt und die älteren 4 (darunter ich) erhielten vor einem Leobner Schwurgericht je 5 Jahre schweren Kerker. Ein Glück hatten wir durch den Einspruch des Staatsanwalts wegen zu hohen Strafausmaßes, es konnte uns ja nichts als dass wir auf der Pretul zusammengekommen waren, angelastet werden. So erhielten dann bei der 2. Verhandlung zwei unserer Genossen je 1 Jahr, mein Freund Karl Tösch und ich je 1 1/2 Jahre.

Alles dies, so scheußlich es auch war, es war nur ein Vorspiel dessen, was die österreichische Bevölkerung durch die Machtergreifung Hitlers erwartete. Es traf dann schon weit größere Bevölkerungskreise als damals, wo es „nur“ die „Linken“ traf.

Die ersten Flugblätter vom Zentralkomitee der KPÖ kamen zu Ostern 1934 nach Mürzzuschlag und Hönigsberg. Einer der Überbringer war Gustl Schneidhofer. Da unsere Organisation in Hönigsberg nicht zerschlagen werden konnte, war der Kontakt mit dem ZK der KPÖ aufrecht geblieben. Wir erfuhren, dass in Wien ein Flugblatt über den Februar 34 herausgekommen ist. Genosse Franz Gstettner und ich bekamen den Auftrag, es aus Wien zu holen. Wir machten uns am Karfreitag mit dem Fahrrad, Geld für eine Bahnfahrt hatten wir nicht, auf den Weg. Am Abend noch trafen wir in Wien ein. Wir meldeten uns bei der Kontaktadresse, die wir vor der Abfahrt erhielten. Ein Mädchen führte uns am Karsamstag zum Abholplatz. Dieser war in einen Keller eines Wohnhauses. Wir versteckten 2000 Flugblätter im Rucksack und machten uns zur Abfahrt bereit. In der Nähe von Traiskirchen übernachteten wir in einer Jugendherberge. Aus Sicherheitsgründen stellten wir den Rucksack in ein anderes Zimmer, sollte wirklich etwas dazwischen kommen, könnte uns niemand beweisen, dass wir etwas mit den Flugblättern zu tun hätten. In aller Frühe machten wir uns fertig, um noch am frühen Nachmittag zu Hause zu sein. Als Vorsichtsmaßnahme fuhr Gstettner immer ungefähr 100 m vor mir, so konnte ich, falls er aufgehalten wird, sofort reagieren. Auf den Besitz von einem Flugblatt standen 5 Jahre Kerker. In der Nähe von Wr. Neustadt bewährte sich auch schon unsere Sicherheitsmaßnahme. Ich sah wie vor Gstettner ein Gendarm auf die Straße ging und ihn anhielt. Ganz unauffällig bog ich in die nächste Einfahrt ein, stieg ab, wartete ein paar Minuten, dann wagte ich einen Blick um die Ecke. Ich konnte das Lachen kaum verhalten als ich den Grund der Gendarmerieaktion sah: Eine Prozession! Diese bog von einer Seitenstraße in die Hauptstraße ein, darum hielt der Gendarm meinen Freund an. Wir setzten gut gelaunt den Weg nach Hause fort.

In Mürzzuschlag erwarteten uns schon Genossen. Erfreut über das Flugblatt, das zur Einheitsfront aller Arbeiterparteien aufrief, gingen die Genossen an die Arbeit. Im Stahlwerk, im Heizhaus, in den Gasthäusern, oder im Cafe Semmering, überall bekam man Flugblätter zu Gesicht, die von der Unverwüstlichkeit der KPÖ zeugten.

30. April 2015