Kleine Zeitung vom 7. November 2012

Ein Name als Erinnerung

Das BG/BRG Mürzzuschlag wird in Herta-Reich-Gymnasium umbenannt. So gedenkt man einer Jüdin, die 1938 aus der Stadt fliehen musste.

 

 

Zwei Tage hatte Herta Reich, damals noch Herta Eisler, Zeit, Mürzzuschlag zu verlassen. Das war 1938. Sechs Jahre sollten Konzentrationslager, Folter und schließlich Flucht dauern, ehe die junge Frau Palästina erreichte, bereits mit ihrem Mann Romek Reich. Am 19. Februar 2012 starb Herta Reich 94-jährig in Jerusalem.

„Zwei Tage Zeit“ heißen auch die Erinnerungen Reichs, die Heimo Halbrainer und der gebürtige Mürzzuschlager Heimo Gruber rund 50 Jahre nach ihrer Flucht veröffentlicht haben. Mürzzuschlag trug Reich zwar zeitlebens in ihrem Herzen, aber zurück wollte sie nicht mehr.

1995 wurde „Zwei Tage Zeit“ im kunsthaus muerz präsentiert, und bald danach tauchten erste Anfragen auf, ob man Herta Reich nicht in entsprechender Form würdigen könne, nicht zuletzt von der KPÖ, wie Bürgermeister Karl Rudischer gestern bei einem Pressegespräch bemerkte. Eine Ehrenbürgerschaft kam formalrechtlich nicht infrage, und eine Straße nach ihr umzubenennen, hätte einen hohen bürokratischen Aufwand erfordert. „Und der dritte Feldweg links wäre auch nicht passend gewesen“, meinte Rudischer.

So kam man aufs Mürzzuschlager Gymnasium, nicht zuletzt wegen des Kontakts des Lehrers Rudolf Schabbauer zu Reich. Heimo Hirschmann, derzeit provisorischer Leiter der Schule, griff den Vorschlag auf und erntete damit auch im Lehrerkollegium große Zustimmung. Und so wird am Freitag, dem 23. November, um 19 Uhr das BG/BRG mit einem Festakt in Herta-Reich-Gymnasium umbenannt – in Gegenwart auch ihres Sohnes Ronny Reich, eines namhaften israelischen Archäologen.

„Die Schule soll keine Holocaust-Gedenkstätte werden“, erklärte Hirschmann. „Aber der Name soll eine permanente Erinnerung an die Gräuel des Nationalsozialismus auch in unserer Stadt sein.“ ULF TOMASCHEK

 

Programm

 

 

 

Schulen, so es mehrere in einem Ort gibt, werden meist nach der Straße benannt, in der sie sich befinden. Kapfenberg hat einen anderen Weg gewählt. Dort heißen sie gerne nach Bundespräsidenten (die weder mit den Schulen noch mit der Stadt viel zu tun haben). In Kindberg besinnt man sich eher örtlicher Traditionen – etwa mit der Jakob-Schmölzer-Hauptschule. In Mürzzuschlag tragen die Pflichtschulen die Namen von Toni Schruf, Viktor Kaplan und Peter Rosegger, allesamt große Söhne der Stadt beziehungsweise der Region.

Das Mürzzuschlager Gymnasium ist nun nach Herta Reich benannt, der Tochter einer jüdischen Familie, die die Stadt 1938 verlassen musste. Das ist ein ebenso ungewöhnlicher wie mutiger Schritt. Denn damit zeigt die Schule auch Flagge. Der Name ist nun permanente Erinnerung an die Gräuel der Nazizeit.

Der Name ist aber auch mit der Verantwortung verbunden, offen zu sein für andere Länder, andere Völker, andere Kulturen. Ab sofort wird das Mürzzuschlager Gymnasium an seinem neuen Namen gemessen werden. An einem Namen, der nun auch Programm ist.

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ulf.tomaschek@kleinezeitung.at

9. November 2012